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Hamses kleiner?

Juni 27, 2008

Harald Martenstein über Berliner Münzprobleme. Folgender Text ist mal wieder nicht von mir. Er ist von Harald Martenstein. Mein Lieblings (Kolumnen)Schreiber. Vor Jahren habe ich diesen Text in der “DIE ZEIT” gelesen und ich fand das er super auf mich zutrifft. Danke Harald. Sollte Harald Martenstein etwas dagegen haben das ich diesen Text hier veröffentliche soll er Bescheid sagen.

Als ich nach Berlin zog, war ich ein junger Mann aus dem Süden. Ich war wie lauwarmer Samt. Ich sagte: »Bitte sehr, danke sehr.« Ich glaubte an die Macht der Güte, ich lächelte in der Bahn mein Gegenüber an und trank Apfelschorle. Heute bin ich wie kalter Beton. Ich sage: »Verpisst euch doch alle.« Ich glaube an die Macht der Gemeinheit, mein Gegenüber in der Bahn könnte ich erwürgen. Ich bin ein Berliner. Meine Trinkgewohnheiten gehen Sie einen Dreck an.

Einmal hatte ich ein Jobangebot. Es wäre ein super Job gewesen. Aber ich ziehe aus Berlin nicht weg. Ich bin nicht flexibel. Lieber bin ich der Depp von Berlin als der Ministerpräsident von Mährisch-Ostrau. Ich liebe diese Stadt, der Himmel sei mein Zeuge. Ich liebe ihre Versifftheit. Ich knie nieder vor dem schlichten Humor ihrer übergriffigen Bewohner, neige mein Haupt vor ihren Bausünden, küsse die Füße ihrer korrupten Elite, werfe mich in den Staub vor ihren Drogen- und Etatproblemen und flechte Kränze für die Habgier ihrer Finanzämter. Dennoch habe ich eine kritische Anmerkung.

Wenn du in Berlin etwas kaufen willst, verlangen sie, dass du das Geld genau passend auf den Ladentisch legst. Es ist eine Berliner Spezialität. Ich habe jahrelang in anderen Städten darauf geachtet, deswegen weiß ich es. In anderen Städten denkt man als Händler ungefähr so: »Ich bin ein Händler. Folglich besitze ich Wechselgeld. Ein Händler ohne Wechselgeld ist wie ein Polizist ohne Mütze.« Der Berliner Händler denkt etwa so: »Ich bin der Herrscher der Welt. Wer meinen Laden betritt, möge mir huldigen. Ob ich dieser Person am Ende die gewünschten Waren aushändige, das wollen wir erst einmal sehen.«

Ich habe Verständnis dafür, dass derjenige scheele Blicke erntet, der ein Hörnchen für 1,20 Euro mit einem 500-Euro-Schein bezahlt. In Berlin aber wird es häufig schon als ungehörig empfunden, wenn du eine 12-Euro-Rechnung mit einem Zwanziger begleichst. Und es wird immer extremer. Das Hörnchen, von dem eben die Rede war, wollte ich mit einem 5-Euro-Schein bezahlen. Der Händler sagte: »Hamses nich kleiner?« Er ist zum Wechseln ins Nachbargeschäft gegangen. Wenn du aber, um die Berliner Wechselgeldkrise zu lindern, eine Ware mit einer Hand voll Kleingeld bezahlen möchtest, dann geschieht das Münzwunder von Berlin. Der Händler sagt: »Bleimse mir weg mit das Kleingeld.« Er zieht seine Schublade auf und zeigt, dass sie beinahe platzt vor Scheinen und Münzen aller Art. Nur dann! Sonst nie!

Mir sind zahlreiche Einkäufe in Berlin abgelehnt worden, weil ich gerade vom Bankautomaten kam und nur Fünfziger-Scheine hatte. Es heißt: Berlin sei arm. Man könnte den Umsatz des Einzelhandels und damit die Steuereinnahmen der Stadt beträchtlich erhöhen, wenn es nur Wechselgeld gäbe. Deswegen stehe ich, bei aller Liebe, den Forderungen meiner Stadt auf erhöhte finanzielle Zuwendungen des Bundes ablehnend gegenüber. Als Maßnahme zur Soforthilfe würde es genügen, aus dem Saarland, aus Bremen und aus Rheinland-Pfalz einige Dutzend Geldwechsler nach Berlin zu schicken.

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